Herzlich willkommen bei ensemble sonorizzonte

Herzlich willkommen zu ensemble sonorizzonte. Unser nächstes Konzert, bereits im 6. Jahr der Konzertreihe sonorizzonte, findet am 24. November 2018 im Sophiensaal in München statt. Es ist dem 100. Geburtstag von Bernd Alois Zimmermann gewidment und trägt den Titel Erinnerung - Erwartung. Vom Phänomen der Zeit. Konzert + Rezitation + Projektion. Erfahren Sie auf den nächsten Seiten mehr.
Herzlich willkomen  zum sechsten Jahr von sonorizzonte, in dem wir sie zu
einem Konzert außergewöhnlichen Formats einladen.
Erinnerung – Erwartung. Vom Phänomen der Zeit ist Titel und Thema des,
am 24. November 2018 im Sophiensaal in München stattfindenden Konzerts.
Wir widmen es dem Komponisten Bernd Alois Zimmermann (1918-1970)
und seinem 100. Geburtstag. Vielen ist er bekannt durch seine Oper Die Soldaten.
Zimmermann ist ein Komponist, dessen Werke durch ihre einzigartige
musikalische Sprache eine faszinierende Anziehungskraft ausüben.
Zeit ist für jeden von uns ein Thema, mehr oder weniger bewusst:
Niemand kann sie herstellen; niemand kann sie verkaufen und
niemand kann sie auf Vorrat speichern.
Das Komponieren von Zeit und die Überwindung ihrer äußeren Messbarkeit
war auch das zentrale Thema im kompositorischen Schaffen Bernd Alois Zimmermanns.
In seiner Auseinandersetzung damit bezog er intensiv andere
Künste wie Film, Tanz, Literatur und bildende Kunst mit ein und forschte von
der Musik des Mittelalters bis zur Avantgarde seiner Zeit, sowie im Jazz.
Unser Konzert greift diese Pluralität auf und nähert sich auf multidimensionaler
Ebene dem Thema Phänomen Zeit.
Es erwarten Sie zwei Uraufführungen  der Komponisten Moritz Eggert und
Johannes X. Schachtner. Literarische Kostbarkeiten aus Vergangenheit
und Gegenwart , rezitiert von der Schauspielerin Gesche Piening. Und eine
Filmprojektion , kreirt von der Künstlerin Dana Popescu, die das Thema im
Kontext des 21. Jahrhunderts beleuchtet und das Video an vereinzelten Stellen
sensibel in das Geschehen einfügt.
Der rote Faden sind Solo- und Kammermusikwerke Zimmermanns , die
unser Klaviertrio ensemble sonorizzonte den beiden Auftragswerken an diesem
Abend gegenüberstellen wird.
Wir schätzen uns glücklich und sind geehrt, dass Bettina Zimmermann ,
die Tochter des Komponisten, die Schirmherrschaft  über dieses Konzert
übernommen hat. Diesem Text nachfolgend lesen Sie ihr Grußwort.
Ein Wort zum Gruß von Bettina Zimmermann

Ich freue mich, Sie zu diesem besonderen Abend von ensemble sonorizzonte begrüßen zu dürfen: Hier fügen sich Musik, Wort und Bild zu einem Konzertformat, welches das Konzert zu einem multimedialen Ereignis macht, in dem mehrere Wahrnehmungs- und Erkenntniswerkzeuge zugleich angesprochen werden. 
Kann Kunst, in dieser Weise begriffen und präsentiert, in unser täglich gelebtes Leben hineinwirken und hier etwas bewegen, verändern – verbessern?

Das Prinzip der Pluralität war auch für das Komponieren und Denken von Bernd Alois Zimmermann von zentraler Bedeutung. Es freut mich sehr, dass er nicht nur in der Erinnerung präsent ist, sondern auch als ganz gegenwärtiger Beweger, Animierer und Impulsgeber erfahren wird – und nicht zuletzt als Ermutiger, sich nicht sogenannten Stilen oder Schulen und schon mal gar nicht Dogmen zu unterwerfen, sondern ständig in Bewegung zu bleiben. Auch im Verfolgen des eigenen Weges. 

Im März diesen Jahres kam Jessica Kuhn auf mich zu und lud mich dazu ein,  die Schirmherrschaft für dieses Konzert zu übernehmen. Was macht eine Schirmherrin eigentlich – und wie herum ist der Schirm überhaupt zu halten: Spitze nach oben oder Spitze nach unten ...? Ich für meinen Teil bevorzuge Spitze nach unten: Falsch herum gehalten wird der Schirm zum Auffanggerät für zum Beispiel öffentliches Interesse, Förderung, Anerkennung etc. – und das wünsche ich dem ensemble sonorizzonte und seinen Projekten weiterhin sehr! 
In diesem Sinne ist es mir eine Freude und Ehre, Schirmherrin für das Ensemble und diesen spannenden Konzertabend zu sein. 

Ich wünsche Ihnen und allen Mitwirkenden des Abends dabei eine erfüllte Zeit des Wahrnehmens, Erkennens und Geniessens!

Bettina Zimmermann
Tochter von Bernd Alois Zimmermann
Kontrastierend bzw. ergänzend dazu wird die Schauspielerin Gesche Piening Texte und Gedichte u. a. von Augustinus, Joyce, Schwitters und Böll rezitieren, in deren Werken Zimmermann eine Entsprechung zu seiner eigenen Auseinandersetzung mit dem „Phänomen Zeit“ fand. 
Dazu kommen zeitgenössische Texte von Helga Nowotny und anderen Autoren. 

Ein weiteres kontrastierendes Element sind einzelne Sätze aus den Suiten für Violoncello solo von J. S. Bach, die zwischen die Sätze der Violoncello Solosonate von Zimmermann platziert werden. Dieser klangliche Kontrast erinnert an seine Beschäftigung mit der „Alten Musik“, die in der Solosonate zum Teil in den Satztiteln erkennbar wird (Z. B. Tropi = Tropus, Erweiterung der liturgischen Texte und Melodien im gregorianischen Choral) und etwas versteckter in einem Zitat aus der Johannes Passion. Die für den Zuhörer vertraute Tonsprache Bachs trägt zudem zu einer Hör-Entspannung bei, was wiederum die Aufmerksamkeit für die „Neue Musik“ schärft.

Eine Filmprojektion der Künstlerin Dana Popescu, die das Thema im Kontext des 21. Jahrhunderts beleuchtet, wird an vereinzelten Stellen sensibel in das Geschehen eingefügt. 

Diese sich durchdringenden Ebenen von Musik, Wort und Kunst implizieren eine Reminiszenz an Zimmermanns Art des „pluralistischen Kompositionsverfahrens“.
Die zwei Komponisten und die Künstlerin reflektieren über das Phänomen Zeit in Bezug auf Zimmermanns Werk und im Kontext des 21. Jahrhunderts, wobei ihnen einige Fragen als Leitmotive dienen: Welche Bedeutung erhalten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in unserem von algorithmisch gesteuerten Prozessen bestimmten Leben? Was bewirkt das Phänomen der Beschleunigung, ausgelöst durch die Entwicklungen in Wissenschaft und Technik, in uns? Wie erleben wir das Spannungsverhältniss zwischen der Fokussierung auf den Moment, hervorgegangen aus der Vernetzung der Welt und die dadurch ermöglichte virtuelle Teilnahme in Echtzeit an weit entfernt liegenden Geschehnissen, und der Sehnsucht nach Stille im Augenblick?

Dazu ein Zitat Zimmermanns von 1968, das, in unseren Kontext übertragen, an Aktualität nichts eingebüßt hat: Es ist nicht an der Feststellung vorbeizukommen (...) daß wir gleichzeitig in vielen Zeit- und Erlebnisschichten existieren, von denen die meisten weder voneinander ableitbar erscheinen, noch miteinander zu verbinden sind, und doch sind wir in diesem Netz von vielen verwirrenden und verwirrten Fäden – sagen wir es ruhig: geborgen. Und so scheint ein besonderes Phänomen unserer Existenz darin zu bestehen, daß wir in der Lage sind, diese ungeheure Vielfalt ständig zu erleben, mit allen Veränderungen zu erleben, die dadurch eintreten, daß es immer wieder verschiedene Fäden sind, welche für den Bruchteil einer Sekunde miteinander verknüpft werden.

Die vier Stücke Zimmermanns repräsentieren unterschiedliche Zeiten seines Schaffens. Das Klavierstück Extemporale (1938-46), ein Frühwerk aus dem „Stegreif“, zeigt seine Suche nach der eigenen musikalischen Stilistik. „Der tastende Beginn seines 'eigentlichen' Œuvres“ 3 fällt in die erste Hälfte der 1950er Jahre, aus der die Sonate für Violine solo stammt. Das erste pluralistische Werk ist die Sonate für Cello solo aus dem Jahre 1960. Das Klaviertrio Présence von 1961 fällt ebenfalls in diese Zeit und repräsentiert weitere seiner charakteristischen Merkmale wie szenische Darstellung und surrealistisch anmutende Verwendung von Zitaten.

In Einführungsveranstaltungen vor den beiden Programmteilen, vermittelt durch den Dirigenten Andreas Puhani, erhält das Publikum Informationen zu den Werken der Konzerte.
Zu Bernd Alois Zimmermann

Ein zentrales Anliegen Bernd Alois Zimmermanns in seinen Kompositionen war das Komponieren von Zeit und die Überwindung des äußerlich messbaren Zeitbegriffs. Er stellte sich die Zeit als Kugelgestalt vor, bestehend aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich in kontinuierlicher gleichzeitiger Präsenz einander bedingten. Besonders in der Literatur fand er eine Entsprechung zu dieser Auseinandersetzung und beschäftigte sich intensiv unter anderem mit James Joyce, Ezra Pound, Augustinus, Jakob Michael Reinhold Lenz und Alfred Jarry, sowie mit der Bibel. 

Seine Art des Pluralistischen Verfahrens, wie er selbst seine Kompositionstechnik benannte, war eine Konsequenz aus dieser Vorstellung. Die Pluralistische Kompositionstechnik beinhaltete das Übereinanderlagern von Klang-und Zeitschichten, ein Verschränken von Kompositionsmethoden aus unterschiedlichen Epochen, eine Montage-Collagetechnik mit Zitaten von Komponisten der Gegenwart und der Vergangenheit, sowie die gleichzeitige Verwendung von medialen Mitteln wie Elektronik, Tonband, Filmprojektion, Simultanbühne und groß besetztem Orchester, Jazz combo, Chor. 

Er versuchte damit, die Wahrnehmung von Zeit zu verändern und die bisherigen messbaren Zeiteinteilungen aus den Fugen zu heben. Zu diesem Prozess im besonderen und zu seinem kompositorischen Schaffen im allgemeinen gehörte die Beschäftigung mit vergangenen musikalischen Epochen wie zum Beispiel der Ars Nova des Mittelalters, mit Literatur, Philosophie, Malerei, Film und Tanz.

In den Anfängen seines Lebens als freischaffender Komponist komponierte Zimmermann viele Gelegenheitswerke zum Broterwerb, darunter Bühnenmusiken und mehr als 70 Hörspielmusiken. Dieser Erfahrungsschatz des Experimentierens mit unterschiedlichen Ausdrucksebenen prägte und weitete seine dramaturgisch-gestalterischen Fähigkeiten, die in all seinen Werken zum Ausdruck kommt. 

Dazu gehörte auch seine Vorliebe des Jazz – siehe dazu Partituranweisung in „Stille und Umkehr“ bezüglich des Schlagzeugers, der unbedingt ein Jazzer sein soll und die sich besonders in der Bewunderung für die Improvisation und den Rhythmus ausdrückte: Welche Anziehung übt der Jazz auf Komponisten aus, die nicht eigentlich von ihm herkommen? ...vielleicht die Anziehung, die dann zu konstatieren ist, wenn Menschen von natürlicher Begabung musizieren. Begabung für was? Zunächst wohl für ein durch und durch spontanes Handhaben bestimmter Instrumente, die nicht unbedingt schulmäßig erlernt zu werden brauchen, sondern irgendwie Türe, Tore sind, aus denen etwas heraus will: die Improvisation muss man wohl zu einem wesentlichen Bestandteil des Jazz rechnen.
Kurzbiografien von Jessica Kuhn, Elisabeth Kufferath und Moritz Eggert
Kurzbiografien von Dana Popescu, Gesche Piening, Johannes X. Schachtner, Andreas Puhani
Die Künstlerin Dana Popescu zu ihrem Film Absence:
Dies ist eine Installation über das Thema „Zeit“, wie wir sie in unserer modernen Gesellschaft auffassen.
Bernd Alois Zimmermanns Werk basiert auf der Idee, dass wir gleichzeitig auf vielen verschiedenen Zeit- und Erfahrungsebenen existieren, von denen die meisten weder miteinander verbunden zu sein, noch auseinander hervorzugehen scheinen. 
Heutzutage schalten wir von der realen zur virtuellen Welt beständig um und bewegen uns sehr schnell innerhalb von unterschiedlichen Aktionen und Emotionen. Wir gehen durch die Stadt und verbinden uns mit dem virtuellen sozialen Netzwerk durch unsere Mobiltelefone.

Die Tonalität in Zimmermanns Musik erinnert mich an die Atmosphäre, den Geist einer Stadt. Es ist eine Mischung verschiedener Klang-, Handlungs- und Gefühlsebenen von Menschen, die sich in ihrer eigenen Zeit und im selben gemeinsamen Moment bewegen. 
Eine der am häufigsten getätigten Aktionen ist das fotografieren mit dem Mobiltelefon und die Veröffentlichung des snapshots im Netz. Dies ist eine symbolische Geste, individuelle Zeit im Bild zu erfassen und zu speichern und dadurch den Moment zu bannen. In meiner Installation arbeite ich mit dieser Geste. 

Absence weist für mich auf die Nicht-linearität von Zeit hin. So, wie wenn uns unsere Gedanken und Gefühle vom gegenwärtigen Moment ablenken und uns in eine andere, innere Zeitebene führen. Gleichzeitig sehe ich das Wort im Kontext mit der Person Clara, die alleine durch die Stadt wandert Szene aus dem Film Absence. Ein einsamer Mensch. Und dann steht Absence dem Titel des Klaviertrios gegenüber: Présence.
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Musiker
Elisabeth Kufferath - Violine
Jessica Kuhn - Violoncello
Moritz Eggert - Klavier
 
Live-Mitschnitt vom 18.3.2017
Schloss Nymphenburg, München
gefördert von der LH München, Kulturreferat
 
Video, Ton und Vorschaubild
Hans R. Weiss, www.av-weiss.de
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Musiker
Elisabeth Kufferath - Violine
Jessica Kuhn - Violoncello
Moritz Eggert - Klavier
 
sonorizzonte trailer video
zum Konzert am 24. November 2018
Sophiensaal, München
 
Video, Ton und Vorschaubild
Dana Popescu